Wozu das reine Opferlamm?

Posted by Tobias on

Eine Kurzfassung der alten Erlösungsperspektive

Die unter Christen am weitesten verbreitete Erlösungslehre ist eigentlich nur eine Vergebungslehre. Als Hauptproblem gilt, dass Gott aufgrund seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit Sünden nicht einfach bedingungslos vergeben könne und daher den Opfertod seines unschuldigen Sohnes am Kreuz als Ausgleich für seinen Zorn benötige, um die Sünden der Welt endgültig zu tilgen.

Doch diese Sicht auf das Ausgangsproblem unserer Erlösungsbedürftigkeit greift viel zu kurz. In Bezug auf das Wesen Gottes ist sie sogar grundfalsch. So offenbart er sich bereits im AT am Berg Sinai mit seinem Namen als ein voraussetzungs- und bedingungslos gnädiger und sich erbarmender Gott. Sola gratia sozusagen. Als Primat des göttlichen Heilshandelns, nicht notwendigerweise davon abhängig, wie der jeweilige Mensch gegenüber Gott „drauf“ ist. Nicht zuletzt belegen zahlreiche Stellen in der Bibel eine Vergebung auch vor dem Kreuz.

Wenn die Bereitschaft und Möglichkeit Gottes zur Vergebung das eigentliche Problem wäre, hätte es die Menschwerdung Jesu nicht gebraucht. Auch nicht, wenn das Problem darin bestünde, dass wir im Grunde ganz im Ordnung sind und uns Gott für den Rest eben vergeben muss und dann ist alles wieder OK.

Vergebung kannte das AT bereits. Das NT redet aber von Erlösung, dass Jesus gekommen ist „und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele“ (Matth. 20,28). Während für die meisten klar ist, was Vergebung meint, haben viele Christen doch eine relativ diffuse Vorstellung vom Begriff der „Erlösung“. Von was wird denn erlöst?

Das Problem ist doch, dass nach dem christlichen Verständnis der Mensch unter die Macht der Sünde geraten ist, aus der wir uns nicht mehr selbst befreien können. Wir sind dadurch in unserem alten Menschen/Wesen/Fleisch so geschwächt, dass wir ständig mit einem heiligen Gott in Konflikt geraten und die Forderungen Gottes – expliziert im Gesetz – realistischerweise nicht einhalten können. Und als Folge der Sünde gegen Gott und der Übertretung des Gesetzes hat der Tod als Macht/Gewalt ein Recht an uns. Wir sind daher sichere Todeskandidaten.

Gott ist daher „genervt“, nicht, weil er nicht bedingungslos vergeben kann, sondern weil er eigentlich ständig vergeben müsste – und weil auch eine alleinige Dauervergebung auf den alten Menschen das Problem nicht lösen würde. Nicht ohne Grund nennt Jesus die Neugeburt des Menschen als die relevante Bedingung für den Eingang in sein Reich.

Der Mensch braucht also Erlösung aus dieser ganzen alten Heilsordnung der Gesetzeswerke, die er nicht erfüllen kann.

Und wie machte Gott das?

Der Fluch des Gesetzes(-ordnung) ist erledigt, da Jesus durch seinen Sühnetod alle mögliche Strafen mit Todesfolge aus der alten Gesetzesordnung getragen hat (Gal. 3,13).

Es ist nun allerdings offensichtlich, dass es nicht alles sein kann, wegen dem Unvermögen der Menschen die Strafe bei Übertretung von Gottes Forderungen abzuschaffen. Zu beachten ist: Die Erlösung vom Fluch des Gesetzes erfolgte zu einem Zeitpunkt, als wir noch Feinde waren und die Heilsordnung des Gesetzes alles andere als überflüssig ist.

Nein, als Voraussetzung für die Ablösung der alten Heilsordnung brauchte es einen Menschen(sohn), welcher an unserer Stelle den Forderungen Gottes genügt und der das Gesetz erfüllen kann. Hierin liegt die eigentliche Bedeutung der geforderten Reinheit des Opferlamms. Das ist wesentlich verschieden von der moloch-ähnlichen Begründung, Gott müsse sein unschuldiges Kind sterben sehen, um barmherzig zu sein und Sünden vergeben zu können. So nach der Auffassung: Das Kind qualiziert sich durch seine eigene Unschuld als Sündenbock, stirbt – und damit ist auch die Schuld der Welt verschwunden.

Nein, die Reinheit des Opferlamms bezieht sich dagegen auf das Leben Jesu, sein Wesen, seinen Charakter (Jesu Leib/Brot des Lebens), weil der Vater den Sohn als Basis und Quelle für ein neues Menschengeschlecht heranziehen will. Und diesen vollkommenen Menschen(sohn) machte er dann durch Tod und Auferstehung unsterblich, ja rechtmässig resistent gegen den Tod (Jesu Blut). Denn es gibt ja keine Sünde, für die der Sohn mehr verurteilt werden kann, weil bereits für alle Schuld der Welt verurteilt.

Damit der Vater den Sohn wieder aus der Gewalt des Todes reißen konnte, musste er sich wie dem „verlorenen Sohn“ im Gleichnis auch wieder erbarmen und dabei bedingungslos von der Schuld der Welt absehen, die er zuvor auf ihn gelegt hatte. Denn der Tod nimmt die Schuld ja nicht weg. Ansonsten könnte jeder Sünder ja ohne Zutun eines Erlösers einfach wieder auferstehen.

Unsere Erlösung besteht sodann von der Macht der Sünde und dem daraus resultierenden Recht des Todes. Und zwar indem wir neu geboren werden, indem wir Anteil an seinem Leben bekommen und in seinen Recht/Machtbereich versetzt werden. Wir werden als sein Eigentum angenommen und behalten, zu einem Zeitpunkt und während wir noch Sünder und auf dem Weg sind.

Das Blut (Wein) sagt aus, dass wir Anteil an einem Leben besitzen, welches nicht mehr in den Tod kommen kann.

Der Leib (Brot) sagt aus, dass wir Anteil an seiner vollkommenen Natur/Charakter bekommen, wenn wir ihn ihm bleiben.

Und dieses Leben (Brot) des Auferstandenen ist nicht nur das Leben, welches der Sohn im Himmel beim Vater hatte. Es ist ein Leben, das zuvor in Welt- und Selbstverleugnung in den Tod des eigenen Selbst gegangen ist – bis hin zur Feindesliebe am Kreuz. Und das uns jetzt als Überwinderleben zur Verfügung gestellt wird (Joh. 6,51 „und das Brot, das ich geben werde, das ist mein Fleisch… und vgl. Röm. 8,3.4 „verdammte die Sünde im Fleisch“).

Sofern wir nicht in ihm bleiben und sündigen, kann uns Jesus jetzt im Gegensatz zur Heilsordnung des AT (Gesetzwerke) oft und ständig vergeben, da die Fluchseite des Gesetzes durch seinen Sühnetod komplett abgelöst ist (1. Joh. 2,2). Er verteidigt im Falle von Sünden seine Eigentumsschafe gegen andere Macht-/Rechtsansprüche, wohl des Todes (Joh. 10). Obwohl Gott bedingungslos vergeben kann, dient sein vergossenes Blut in diesem Sinne indirekt zur Vergebung der Sünden, indem es vor dem Hintergrund der alten Heilsordnung des Gesetzes einen juristisch einwandfreien Weg zur ständigen Vergebung freigemacht hat (Matth. 26,28). In der alten Heilsordung des Gesetzes war dies aufgrund des Gesetzescharakters nur in Ausnahmefällen möglich.