Vergebung – eine Frage der Macht?

Posted by Tobias on

In der klassischen Lehre von stellvertretenden Sühnetod ist die wirksame Vergebung durch Gott eine Frage der ausgleichenden Gerechtigkeit. Weil Gott zugleich heilig und gerecht ist, könne er Sünden nur wirksam tilgen, wenn der Tod Christi den Ausgleich dafür herstellt. In anderen Beiträgen habe ich gezeigt, dass Sühne nicht zwingend als Kompensationsleistung für Gott, sondern als Gottes Erlösungsleistung für uns gesehen werden muss und dass nicht aus dem Grunde Blut fließen muss, damit Gott überhaupt vergeben kann (Und was ist mit Hebr. 9,22?).

Wenn diese Bedingung wegfällt, so könnte man denken, dass Vergebung nur noch eine Frage der Gnade, des bedingungslosen Erbarmens Gottes sei. So wie Mose auf dem Berg Sinai den Namen des Herrn als seine wesentliche, tiefgründige Eigenschaft erfährt:

Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich (Exodus 33,19).

Es soll hier nun keinesfalls ist Abrede gestellt werden, dass Gottes Vergebung eine Frage seines Erbarmens, seiner Gnade ist. Die nur durch ihn bedingt ist, in seinem Wesen verwurzelt, in seiner Souveränität.

Worauf der Blick jedoch selten fällt, ist, dass Vergebung auch eine Frage der Macht Gottes ist. Es soll dies im Folgenden näher begründet werden:

In der Erzählung von der Heilung des Gelähmten wird das Jesus-Wort übermittelt:

Auf dass ihr aber wisset, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim! (Matth. 9,6).

Diese Geschichte betont aufs Deutlichste, dass die Vergebung von Sünden mit der Frage der Macht verknüpft ist. Denn Jesus sagt ja nicht nur: Ich habe die „Erlaubnis“, Sünden zu vergeben auf Erden, die Lizenz zum Vergeben. Er betont vielmehr, die „Macht“, ja sogar die „Vollmacht“ dazu. Was ist leichter Sünden zu vergeben oder zu sagen, stehe auf und wandle? Es ist beides gleich schwer. Es ist beides eine Frage der Macht.

Hieraus entsteht sofort die Frage: Warum ist Sündenvergebung eine Frage der Macht?

Es ist eine Frage der Macht, weil es um die Zurückweisung von Macht-, Herrschafts- und Besitzansprüchen der Sünde- und Todesmächte auf den Sünder geht!

Es zieht sich durch die Bibel, dass wer sündigt, unter eine Fremdherrschaft gerät. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht (Joh. 8,34). Und Paulus nimmt das auf im Römerbrief Röm. 6, 16: Wisst ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven zum Gehorsam bereitstellt, dessen Sklaven seid ihr (und) dem habt ihr zu gehorchen – entweder der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit. Er redet sogar von einem Gesetz der Sünde und des Todes (Röm. 8,2).

Manche Ausleger sprechen nun davon, die Seite der Gegner Gottes habe Rechte. Weil ja der Verkläger der Brüder Zugang zum Himmel, zu Gott selber hat und Forderungen stellen kann (Offb. 12,10). Und es einen Anwalt bei dem Vater braucht, um die Anklagen abschmettern zu können (1. Joh. 2,1).

Wie kann man das verstehen? Haben die Gegner Gottes einklagbare Rechte, so wie Gott einem Sünder sein Gesetz entgegenhalten kann? Denn es ist doch klar: Sünde ist dadurch zustande gekommen, dass eine Verführung stattgefunden hat, mit List und Lug und Trug. Ohne jetzt von der eigenen Verantwortung des Menschen ablenken zu wollen. Wie kann der Urheber der Sünde letztendlich vom gerechten Gott „Rechte“ einfordern, die Gott auch noch zugesteht? Warum kann er das Gesetz der Sünde und des Todes nicht einfach für unwirksam erklären?

Nun, es ist vielleicht besser, weniger von Rechten als von Machtansprüchen zu sprechen. Dennoch ist zu klären, wie diese zustande kommen. Ein Versuch: Durch Sünde stellt sich ein Mensch gegen Gott und folgt einem anderen Einfluss. Diese Wahlfreiheit hat Gott dem Menschen gegeben und er respektiert diese. Der Mensch muss Gott nicht lieben, er kann sich auch gegen ihn stellen. Diese Wahlmöglichkeit ist ein wesentliches Merkmal der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Wir sind keine vorprogrammierten Roboter.

Und die Gegner Gottes können auf die erfolgte Wahl verweisen, auf den Gehorsam, wie Paulus es ausdrückt (Röm. 6,16). Wem ich folge leiste, der ist mein Chef als ein Beweis des Faktischen. Und Gott respektiert diese Wahl – zunächst.

Was passiert nun allerdings, um das Ganze rückgängig zu machen? Wenn ein Sünder sich nun seiner Sünde bewusst wird, um Gott um Vergebung bittet, um Sühne ersucht, um seine Beziehung zum ihm wieder in Ordnung zu bringen – dann erbarmt sich Gott und vergibt ihm. Er rechnet ihm die Sünden nicht zu, sondern versenkt sie einfach bedingungslos. Das bedeutet für die andere Seite, dass ein berechtigter Machtanspruch auf den Sünder gar nicht mehr besteht, denn Gott hat die Schuld ja vergeben und der Sünder wird als einer gerechnet, der die Tat nie begangen hat.

Es ist nun nicht so, dass dem Teufel ein Lösegeld bezahlt werden muss, damit er die arme Seele freigibt. Ich meine vielmehr entlang der Schrift sagen zu können, dass die Gegner Gottes ihre Beute nicht freiwillig hergeben und auch Tatsachen, wie die Vergebung, die bei Gott bereits klar sind, im Nachhinein zu bestreiten versuchen. Warum werden den Gläubigen längst vergangene und vergebene Sünden wieder vor Augen gehalten?

Nein, Vergebung und die Zurückweisung des Herrschaftsanspruchs der Sünde und des Todes ist jetzt einfach eine Frage der Macht. Ober sticht Unter.

Dass eine Zurückweisung von Machtansprüchen der Finsternisseite erforderlich ist, zeigt im AT bereits der „Bock für Asasel“ (Leviticus 16). Der Bock, der in Wüste geschickt wird, ist Teil des Rechtsrahmen des Gesetzes und er ist _ nicht_ für den Herrn.

Weitere deutliche Hinweise auf den Ausschlag der Machtfrage finden sich, wenn es im NT nicht nur um die Vergebung einzelner Sünden geht, sondern darum, dass ein Jünger Jesu ganzheitlich dem Machtbereich der Finsternis entzogen wird.

In Joh. 10,27-30 geht es um die Schafe als ein Eigentum Jesu:

Meine Schafe hören meine Stimme…Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand vermag (sie) aus der Hand des Vaters reißen. Ich und der Vater sind eins.

Oder Kol. 1,13: Er hat uns errettet aus dem Machtbereich der Finsternis und in das Königreich des Sohnes seiner Liebe versetzt; im ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden.

Und nicht zuletzt wieder der Link zur vorgeschlagenen Erklärung der Erlösung und der Frage: Wie hat Jesus die ihm zugerechnte Schuld der Welt wieder losbekommen? Die Finsternisseite hat ihn gewiss nicht freiwillig losgelassen. Auch musste sie nicht mit Blut ausbezahlt werden.

Der Tod ist nicht mehr Herr über ihn, sagt Röm. 6,8. Also war der Sohn vorher unter der Herrschaft des Todes. Und welche Macht hat dem entgegen gewirkt? Die Herrlichkeit des Vaters. Diese Formulierung findet sich sehr nahe dabei in Röm. 6, 4. …wie Christus aus den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters. Die Auferstehung war demnach eine Machtfrage und eine Machtdemonstration des Vates (vgl. auch Hebr. 5,7).

Er hat die Herrschaften und Gewalten (ihrer Macht) entkleidet und (sie) öffentlich zur Schau gestellt, indem er über sie triumphierte. (Kol. 2,15)

Ober sticht Unter.

Dem Reformator Luther war der Sieg über die Finsternismächte deutlich bewusst und J. S. Bach hat dies im Schlusschoral seines Weihnachtsoratoriums zusammengefasst:

Nun seid ihr wohl gerochen an euer Feinde Schar,
denn Christus hat zerbrochen, was euch zuwider war:
Tod, Teufel, Sünd und Hölle sind ganz und gar geschwächt.
Bei Gott hat seine Stelle, das menschliche Geschlecht.