Die NT-Erlösungsperspektive

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Hauptgedanken zum systematischen Ansatz der NT-Erlösungsperspektive

Die am weitesten verbreitete Erlösungslehre ist eigentlich lediglich eine Vergebungslehre. Hier wird unsere Schuld aufgrund von Tatsünden als das Hauptproblem im Verhältnis zu Gott angesehen. Diese Schuld trennt von Gott. Für die Schuldentilgung gegenüber Gott brauche es daher eine Sühne, weil Gott nicht einfach bedingungslos vergeben, sondern aus Gerechtigkeitsgründen auf einem Ausgleich bestehen müsse. Diese Sühne wird durch den Opfertod des unschuldigen Gottessohns geleistet. Der Sohn qualifiziert sich durch seine eigene Unschuld, bekommt die Sünden der Welt am Kreuz als Sündenbock aufgeladen und zahlt diese Schuld durch seinen Tod ab. Und weil er eigentlich unschuldig ist, qualifiziert er sich damit auch wieder für seine eigene Auferstehung.

Aus Sicht des Verfassers ist diese Theologie teils unzutreffend und für die Erklärung einer Erlösung nicht ausreichend.

Es wird hiermit deswegen eine neue Systematik zur besseren Erklärung der Erlösung vorgestellt. In der hier ausgeführten NT-Erlösungsperspektive behält der sog. stellvertretende Sühnetod seinen Platz in folgendem Verständnis:

Jesus übernimmt am Kreuz die Schuld der Welt und muss infolge dessen in den Tod. Dadurch versöhnt er Gott mit der Welt, sodass alle, die das glauben, das ewige/unsterbliche Leben erhalten.

Die Frage ist jetzt nur: Wie kann man erklären und verstehen, wie und warum diese Versöhnung zustande kommt?

Als Schlüsselfrage für den neuen Ansatz hat sich während der Arbeit die Frage herausgestellt:

Wie bekommt Jesus die Schuld der Welt eigentlich wieder von sich selbst weg?

Ja, am Kreuz können wir Menschen unsere Schulden loswerden. Und ja, nachdem Jesus auferstanden ist, hat der die Fremdschulden auch wieder von sich los. Die Frage ist nur, mit welcher Begründung bekommt er sie los? Und hier wird allerdings bestritten, dass der Sohn durch seinen Tod die Schuld der Welt abbezahlt, sie tilgt, sie vernichtet. Denn am Kreuz wird nur zur Sünde, zum Fluch gemacht, verdammt, zeitweilig vom Vater unversöhnt verlassen und als Sündenfolge in das Totenreich hinabgestiegen. Damit endet der stellvertretende Sühnetod, dass Jesus im Tod bleibt. Ja, es ist alles verurteilt, aber durch diese Verurteilung gerät der Sohn selbst in den Machtbereich des Todes, wo alle sind, die mit Gott nicht versöhnt sind. Damit der Vater den Sohn wieder auferwecken kann, muss er zuvor von der gesamten Schuld der Welt absehen, sich wieder mit ihm ver-söhnen. Und das ganz ohne Gegenleistung. Analog zur Schuldübernahme am Kreuz findet in dieser Perspektive daher eine bedingungslose Generalabsolution der Schuld der Welt auf der Person des Sohns statt, bevor der Vater seinen Sohn wieder annimmt.

Es ist evident, dass die Erkenntnis an der Systematik der Erlösungslehre einiges verändert – und das, obwohl der Kern des stellvertretenden Sühnetods beibehalten wurde.

In dieser Perspektive wird bereits die Problemstellung anders gesehen. So wird verneint, dass Gott nicht grundsätzlich barmherzig sein und Tatsünden bedingungslos vergeben könne. Als zutreffende Problemstellung werden hingegen die folgenden Umstände angesehen:

0. Es existiert der Tod für alle, die mit Gott unversöhnt sind. Sie sind damit vom Leben abgeschnitten. Der Tod wird dabei als eine Macht verstanden, die Gewalt über alles mit Gott Unversöhnte/in Beziehungskonflikt Stehende ausübt. Gott ist jedoch stärker als der Tod und kann barmherzig sein und vom Tode auferwecken.

a. Gott hat sich – durch freiwilliges Eingehen auf den Rat der Engel – an ein Gesetz als Ordnungs- und Regierungsinstrument gebunden, welches Übertreter zum Tode verurteilt. Dieses Gesetz besteht bereits vor der Erschaffung des Menschen und wird durch Mose nur expliziert.

b. Durch die Übertretung des Gesetzes ist der Mensch unter die Macht der Sünde gekommen, sodass er in seinem Wesen so geschwächt ist, dass alle sündigen.

Nimmt man nun mal einen alttestamentlichen Idealfall an, z. B. einen Propheten: Ein Mensch nach dem Herzen Gottes, dessen Charakter durch den Heiligen Geist zum Positiven verändert wurde, dem Gott seine Sünden auch immer wieder vergibt. Dieser Mensch konnte dennoch vor Jesu Erlösungswerk nicht auferstehen. Grund: Er war nicht vollkommen und konnte daher immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten und war auch nicht als ganze Person nachhaltig mit Gott versöhnt. Er war als ganze Person noch nicht sicher jenseits der Grenze zu Verurteilung und Tod angelangt. Kurz: Er konnte noch nicht von neuem geboren werden.

Das eigentliche Problem für die Menschen ist also ihr Charakter, durch den sie stets wieder mit dem Gesetz Gottes in Konflikt geraten und zum Tode verurteilt werden. Und auch ohne Gesetz kommen sie durch die in ihnen wohnende Sünde in einen Beziehungskonflikt mit Gott und sind daher sichere Todeskandiaten.

Für Gott besteht die Problematik darin, wie er die Heilsökonomie des Gesetzes beenden kann, die Menschen von der für sie realistischerweise unerfüllbaren Heilsordung des AT erlösen kann, welche sich als untauglich zur Vollendung erwiesen hat – und das, während das Gesetz ganz offensichtlich noch dringend erfoderlich ist und ohne das Gesetz selbst zu verletzen und sich untreu zu werden. Und noch wichtiger: Wie er unperfekte Menschen nachhaltig mit sich versöhnen und in Beziehung bringen kann, damit sie nicht mehr dem Tod anheimfallen können.

Aufgabe einer neutestamentlichen Erlösungslehre ist dann, aufzuzeigen, wie das erreicht wird und nicht nur, wie Gott es schafft, Schuld vergeben zu können. Eine Dauerschuldvergebung auf den alten Menschen ist dazu nicht ausreichend. Immerhin benennt Jesus ja die Wiedergeburt als Kriterium für die Erlangung des Heils. Eine Erlösungslehre muss daher aufzeigen, wie dieser Wiedergeburts-Mensch entsteht.

In der NT-Erlösungsperspektive hat Gott daher folgende Antworten zur Erlösung des Menschen:

a. Durch den stellvertretenden Sühnetod wird die Fluchseite des Gesetzes „erfüllt“ und das Gesetz damit erledigt, weil alle Übertretungen bereits verurteilt wurden (Röm. 10,4).

b. Durch das neue Leben des auferweckten Sohns werden die Forderungen des ursprünglichen Gesetzes durch den Heiligen Geist in uns erfüllt.

Mit der Verurteilung und anschließenden Begnadigung der Person Jesu, des Menschensohns, schafft sich Gott das Leben eines neues Menschen, der gegen den Tod immunisiert/versichert ist – weil diese Person ja bereits für alle Schuld und Sünde der Welt verurteilt worden und in den Tod gekommen ist und daher nicht mehr neu zum Tode verurteilt werden kann. Das neue Leben Christi ist ein Leben, welches zuvor durch den Tod gegangen ist (Wundmale Christi). Das geht jetzt deutlich über die Beendigung des Gesetzes hinaus, sondern überwindet den Tod. Nicht nur das Gesetz erhält alle Übertretungen desselben (zum Fluch geworden, Gal. 3,13). Davon unterschieden werden muss noch der Tod. Auch der Tod erhält alles und bekommt in der Person Jesu sämtliche Sünde/Konflikte/Beziehungsstörungen/Feindschaft gegen Gott in seine Macht (zur Sünde gemacht).

Vom Gesetz wird erlöst, indem der Sohn für alle Übertretungen bezahlt. Der Tod wird überwunden, indem Gott einen neuen Menschen schafft, der nicht mehr in den Tod kommen kann.

Den, der die Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gottes Gerechtigkeit würden (2. Kor. 5,21).

Was muss denn passiert sein, zwischen dem „zur Sünde gemacht“ und dem „in ihm Gottes Gerechtigkeit würden“?

Daher ist zur Herstellung unserer zugerechneten Gerechtigkeit nicht nur die Schuldübernahme am Kreuz, sondern auch die Wiederannahme und Auferstehung des Sohns notwendig. Die hier vorgelegte Erlösungsperspektive verbindet daher Kreuz und Auferstehung in einer essentiellen Logik miteinander. Hierin wird die Bedeutung des Blutes Christi in einem Erlösungskontext gesehen. An die Bedeutung des Bluts ist auch der Bund des NT als einem neuen Vertrag von Leben oder Tod geknüpft.

Nur das Leben seines Sohns mit seinem heiligen Charakter konnte Gott gegen den Tod immunisieren. Nicht aber uns. Ansonsten würde er ja einen Freibrief zum Sündigen ausstellen. Die Reinheit des Lammes wird in diesem Ansatz daher im vollkommen Wesen des Sohns gesehen (Leib Christi). Und diesen Wesen/Charakter hat er durch seine Menschwerdung bis hin zur Feindesliebe am Kreuz vollkommen gemacht. In vorgelegten Ansatz wird dann der Reinheit/Heiligkeit des Charakters Jesu die Bedeutung des Leibes Christi zugeordnet. Dadurch gelingt auch eine deutliche erkennbare Differenzierung zwischen der Bedeutung des Bluts und Leibes Christi.

Diejenigen, die sich von Jesus annehmen lassen, werden als gerecht erklärt, obwohl sie noch nicht vollkommen sind. Sie werden als Wiedergeborene in die juristisch-gerechte Person Jesu eingepflanzt, haben Anteil an ihm. Und dessen Leben ist resistent gegen den Tod. Innerhalb dieses Lebens zu bleiben, ist für uns ein sicherer Hafen gegen den Tod. Hierin kann auch die eigentliche Begründung gesehen werden, wieso Gott das Leben seines Sohnes gegen den Tod versichern muss. Weil es den Tod ja noch gibt bis in die Äonenvollendung hinein. Und weil Jesus diejenigen, die an ihm glauben als sein Eigentum erklärt, während sie unperfekt und noch auf dem Wege der Heiligung sind. Warum muss Jesus denn betonen, dass niemand seine Eigentumsschafe aus seiner Hande reißen kann und der Vater größer ist als jede andere (Todes?)-Macht?

Durch das Kreuz und den stellvertretenden Sühnetod hat der Sohn vom Vater quasi die Verbindlichkeiten der ganzen Welt aus diesem Gesetz abgekauft. Und vor allem auch der Ankläger hat keinerlei Handhabe mehr. Die Menschen stehen nun ihm als Vertreter Gottes gegenüber. Mit Hinweis auf seinen Sühnetod kann Jesus jetzt grundsätzlich selbst Menschen annehmen und in eigener Verantwortung Sünden vergeben – ohne auf das verurteilende Gesetz und den Ankläger Rücksicht nehmen zu müssen. Er nimmt seine Leute dann allerdings auf den Weg der Reinigung und Heiligung mit (1. Joh. 1,9). In diesem Verständnis dient das vergossene Blut dann auch indirekt „zur Vergebung der Sünden“ (Matth. 26,28).

Doch damit nicht genug. Durch den stellvertretenden Sühnetod wurde noch weitaus mehr erreicht: Auch der Tod hat keine Rechte mehr am Leben der Person Jesu (Wundmale Christi). Und an allem, was wesenhaft aus dem Leben Jesus als Stammvater des neuen Menschen erwächst. Hier ist zunächst an seinen Leib/Gemeinde zu denken, darüber hinaus jedoch an das ganze All, das genau wie sein Leib unter dem einen Haupt Christus zusammengefasst/aufgehauptet werden soll. Der Tod hat in der Person Jesu alle Sünde der ganzen Welt bekommen, d.h. die Person Jesu ist rechtlich gesehen groß genug, gegen alle Feindschaft des Cosmos ein Bollwerk gegen den Tod zu bilden. Der Sohn ist rechtlich zum Erbe des Alls erklärt. Wenn es das ganze All/ta panta/alles sein soll, dann bedeutet dies in Konsequenz, dass er sich durch sein Erlösungswerk das Recht erkauft hat, ein All ohne Tod wieder herzustellen.

Abschließend noch eine wichtige Bemerkung: In der hier vorgeschlagen Erlösungssystematik folgt die Handlungsrichtung am Kreuz der bekannten Logik Sünde->Tod. Sie wird nicht in eine direkte Logik Tod->Vergebung umgekehrt. Gott benötigt nicht seinen letzten Feind, allein um barmherzig zu sein. Nicht zuletzt lösen sich dadurch die schwierigen Anfragen zum Charakter Gottes in Luft auf.

Manche werden als Einwand sofort Hebr. 9,22 anführen, wonach ohne Blutvergießen keine Vergebung geschehe. Diese Stelle interpretiert der Verfasser dann folgendermaßen: Der Schreiber des Hebräerbriefs will aussagen, dass im AT natürlich bereits vollgültige Vergebung erfolgte und da dies einen Vertrag/Bund auf Leben oder Tod darstellt, wurde dieser Bund des AT mit Blut bekräftigt. Und genauso wird der Bund des neuen Testaments zur Erlösung/Abschaffung/Beseitigung der Sünde mit Blut bekräftigt.